Onchain-Finance: Wie Visa die Finanzarchitektur auf der Blockchain neu definieren will

von | 13. Nov. 2025

Die Blockchain-Struktur kann man in gewisser Weise mit verschiedenen Arten von Motoren vergleichen, die jeweils unterschiedlich funktionieren und für unterschiedliche Zwecke entwickelt wurden. Die Grundlage ist jedoch immer dieselbe: Ein Motor setzt etwas in Bewegung – so wie eine Blockchain mehrere Kopien der gesamten Kette speichert und kein zentrales Hauptbuch existiert.

Immer mehr große Institutionen, wie in diesem Fall Visa, nutzen die Blockchain-Struktur als Werkzeug, und die Ausweitung in diesen Bereich scheint gerade erst begonnen zu haben. Immer wieder fällt dabei der Begriff DeFi, also der dezentralen Finanzen, die jedoch, sobald sie von Institutionen als Werkzeug eingesetzt werden, nicht mehr wirklich dezentral sind. Deshalb kann es positiv bewertet werden, dass Visa nun den Begriff „Onchain-Finance“ etabliert, der zwar noch die Kette (Chain) assoziiert, aber nicht mehr die Dezentralität betont und daher zutreffender erscheint.

Visa will führender Anbieter der „Onchain-Finance“ werden und positioniert sich bei Krediten in Stablecoins

Rémy R. – 16. Oktober 2025

„Onchain-Finance“ – Verbindung von traditioneller Finanzwelt (TradFi) und dezentraler Finanzwelt (DeFi)? Seit mehreren Jahren hat sich das Zahlungsunternehmen Visa, ähnlich wie sein Konkurrent Mastercard, stark dem Bereich von Bitcoin (BTC) und Kryptowährungen angenähert. Dieses Mal kündigt der Zahlungsriese seine Absicht deutlich an, in die dezentrale Finanzwelt (DeFi) einzusteigen, oder besser gesagt, in das, was er nun „Onchain-Finance“ nennt. In einem aktuellen Bericht enthüllt das Unternehmen seine Ambition, eine Infrastruktur für Kredite in Stablecoins [digitale Währungen, deren Wert an eine reale Währung wie den US-Dollar gekoppelt ist] aufzubauen, ein Markt, der sich derzeit rasant entwickelt.

Die wichtigsten Punkte dieses Artikels:

  • Visa hat seine Absicht bekannt gegeben, durch die „Onchain-Finance“ in die dezentrale Finanzwelt vorzudringen.
  • Ein Bericht von Visa zeigt, dass in den letzten Jahren über 670 Milliarden US-Dollar an Stablecoin-Krediten über DeFi ausgegeben wurden.

Stablecoins haben durch DeFi 670 Milliarden US-Dollar an Krediten ermöglicht

Der Finanzriese Visa hat kürzlich einen Bericht mit dem Titel „Stablecoins Beyond Payments: The Onchain Lending Opportunity“ [„Stablecoins jenseits von Zahlungen: Die Chance der Kreditvergabe auf Blockchains“] veröffentlicht. (Vgl. Visa)

Der Bericht untersucht, wie sich Stablecoins von einfachen Instrumenten für den Handel mit Kryptowährungen zu einer grundlegenden Infrastruktur für Kredite auf der Blockchain entwickelt haben. Laut Visa wurden in den letzten fünf Jahren mehr als 670 Milliarden US-Dollar an Stablecoin-Krediten (hauptsächlich in US-Dollar) über die Kryptowelt und ihre dezentralisierte Finanzstruktur (DeFi) vergeben.

Die Idee von Visa ist es, Banken und private Kreditfonds mit programmierbaren Kreditprotokollen [Software, die Kredite automatisch über Smart Contracts (intelligente Verträge) abwickelt] der DeFi zu vernetzen, wobei Visa die dafür nötigen Daten, die Einhaltung gesetzlicher Vorgaben (Compliance) und die Infrastruktur bereitstellt.

Die „Onchain-Finance“ ist eine Chance, die Visa sich nicht entgehen lassen will, besonders im Zusammenhang mit der Tokenisierung realer Vermögenswerte (RWA)

Visa identifiziert gleich drei zentrale Chancen, um die traditionelle Finanzwelt durch die Finanzwelt auf der Blockchain, die sogenannte „Onchain-Finance“, neu zu gestalten.

Erstens erweitert die Tokenisierung realer Vermögenswerte (Real World Assets, RWA) [digitale Abbildung realer Vermögenswerte wie Immobilien, Anleihen oder Kunstwerke auf der Blockchain] die Sicherheitenpools für Kredite auf der Blockchain. Dieser Markt ist von 5 Milliarden US-Dollar im Dezember 2023 auf 12,7 Milliarden US-Dollar im Oktober 2025 gewachsen. Prognosen zufolge könnte das Gesamtvolumen dieser tokenisierten Finanzanlagen bis 2030 zwischen 1.000 und 4.000 Milliarden US-Dollar erreichen.

Zweitens ermöglichen Krypto-Sicherheiten Kreditprogramme einer neuen Generation, wie etwa die non-custodial-Karten [Eine Art Krypto-Kreditkarte, bei denen die Nutzer die Kontrolle über ihre eigenen Kryptowährungen behalten] von ether.fi [Plattform für dezentrale Finanzen, die Kreditlösungen auf Basis von Ethereum anbietet]. Diese erlauben es, Kredite gegen vorhandene Vermögenswerte aufzunehmen, ohne sie zu verkaufen, während Smart Contracts eine Echtzeitüberwachung gewährleisten. Banken könnten dabei Liquidität bereitstellen und gleichzeitig das Gegenparteirisiko verringern.

Drittens eröffnen Onchain-Identität und Kreditscoring über Plattformen wie 3Jane, Providence und Credora [Anbieter, die Blockchain-Daten für Bonitätsprüfungen und Identitätsnachweise nutzen] die Möglichkeit, Kredite mit geringer Besicherung (unterbesicherte Kredite) zu vergeben. Hierbei werden Transaktionshistorien und sogenannte Zero-Knowledge-Proofs [Kryptografische Beweise, die Informationen verifizieren, ohne sie offenzulegen] eingesetzt, um den Zugang zu Finanzierungen über die klassischen, stark überbesicherten Modelle hinaus zu erweitern.

Zusammengefasst eröffnet sich ein neues Universum an Möglichkeiten, das gerade erst beginnt, die unendlichen Potenziale der Blockchain-Technologie sichtbar zu machen. Mit seiner klaren Ausrichtung auf die DeFi, oder „Onchain-Finance“, bestätigt Visa einmal mehr seinen entschlossenen Kurs in Richtung Bitcoin und Kryptowährungen. Und es bleibt keine Zeit zu verlieren, denn der Konkurrent Mastercard engagiert sich bereits stark im Bereich der Stablecoins.

Quelle: Journal du Coin

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